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Krankenhaus

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Durch eine glückliche Fügung verbrachte ich heute geschlagene zwei Stunden vor dem Eingang eines großen Krankenhauses. Die Klinik liegt malerisch mitten im Wald und das Wetter war toll. So kam es dazu, dass ich die Zeit auf einer Sitzbank verbrachte. Eine fast schon meditative Stimmung stelle sich bei mir nach ein paar Minuten ein.

Ich verbinde nichts wirklich schlimmes mit Krankenhäusern. Seit meiner Geburt musste ich dort nicht mehr nächtigen und wirklich traurige Krankenbesuche sind eine absolute Seltenheit. Ich bin gesund. Was schon ein kleines Wunder ist, denn immerhin habe ich mal locker 15 Jahre meines Lebens im Suff verbracht und ich trage eine wenig zu viel Gewicht mit mir rum. Aber die Leberwerte sind toll und mein Blutdruck im Normalbereich. Ich gehe zwar nicht gerne zu Ärzten, aber so alle zwei Jahre lasse ich mich mal durchchecken. Dann freut sich der Doc über eine schöne Blutuntersuchung und verdient sich leichtes Geld. Viel zu klären gibt es ja nicht. Die Werte sind okay und mehr will ich gar nicht wissen. Auf richtige Vorsorgeuntersuchungen verzichte ich dann aber doch. Das ist mir zu heikel. Da lebe ich nach dem Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“. Bisher sprach mich mein Arzt auch nicht darauf an. Ich deute das dann immer als Entwarnung. Schließlich hat er Medizin studiert. Sollte sich dann doch eine unheilbare Krankheit bei mir bemerkbar machen, die zu spät erkannt wurde, habe ich zumindest einen Schuldigen.

So sass ich also ruhig und zufrieden in der Sonne vor der Klinik. Die Leute um mich herum konnte ich grob in zwei Kategorien einteilen. Zum einen wären dort die Kranken, die ein kurze Pause in der Sonne von ihrem Heilungsprozess mit der Fluppe im Maul nahmen. Als Arzt würde mich das verrückt machen. Erst steht man knietief in Gedärmen und Blut, um das Leben eine Menschen zu retten. Zwei Tage später steht der selbe Patient dann quietschfidel mit seiner Marlboro im Freien und teert sich seine Lungen zu. Als Klinikpersonal würde ich da mal Tabula Rasa machen. Alle, die sich ihre Zigarette nicht verkneifen können, werden für 24 Stunden vom Schmerzmittel-Nachschub abgeschnitten. Wenn die Typen dann schreiend und japsend im Bett liegen, schwitzen sie das Nikotin schön aus. Würde aber vermutlich nichts bringen. Die lassen sich vom Rauchen nicht abbringen. Aber man würde Schmerzmittel sparen und das käme dem Gesundheitssystem zu Gute. Nicht weit von mir teilte eine Dame lautstark ihrem Gesprächspartner via Handy mit, dass sie ja Lungenkrebs hat und sie ihr eine Viertel vom Atmungsorgan rausoperiert haben (War sicher weniger – aber da übertreibt man ja gerne). Ich sah zu ihr rüber und leider hatte sie keine Zigarette in der Hand. Wäre aber auch zu schön gewesen.

Die andere Gruppen waren die Entlassenen. Überraschend viele Leute verließen die Klinik lächelnd mit einem Koffer in der Hand. Entweder gab es da einige Spontanheilungen oder Privatpatienten haben auf Eigenbedarf geklagt. Es war auf jeden Fall ein schönes Bild. Da verlassen sie vergnügt den Ort ihrer Heilung und sind dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen. Einigen hätte ich am liebsten ein mahnendes „Freu dich nicht zu früh“ hinterhergerufen, denn ihr Zustand ließ nur auf eine kurze Gnadenzeit schließen.

Einen gehörigen Respekt hatte ich vor den vielen Senioren, die die Klinik verließen. Selbst mit nur noch dreiviertel der Lunge hat man als jüngerer Mensch ja noch Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Aber bei Alten wird nix mehr gut. Wer 85 Jahre alt ist und bei den kleinsten Stufen eine stützende Hand braucht, der weiß, dass es nie wieder besser wird. Die Hoffnung auf eine gepflegte Partie Fußball oder eine Runde skaten im Park ist da längst ad acta gelegt. Trotzdem machen diese Menschen weiter und das finde ich bemerkenswert. Ich weiß nicht, ob ich diesen Lebensmut mitbringen würde. Aber das Leben als Wert zu sehen, kommt eventuell erst in späteren Jahren.

Leider riss mich eine SMS aus meinen Gedankengängen. Die Wartezeit war vorbei. Meine Zeit vor dem Krankenhaus war aber so erfreulich, dass ich es auch zukünftig bei der Blutuntersuchungen belassen werde.

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